Dienstag, 24. Oktober 2017

Forschung aktuell: Solarenergie auf dem Hausdach - Verhaltenspsychologie beeinflusst Kaufentscheidungen

DLR-Modell erklärt Investitionssprünge vor Kürzungen des Einspeisetarifs

In der Entscheidung, eine Solaranlage zu kaufen, steckt wohl mehr Verhaltenspsychologie, als den meisten Hausbesitzern bewusst ist. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigt, dass sich ein Boom beim Kauf von Solaranlagen vor der Kürzung des Einspeisetarifs nicht allein mit Modellen aus den Wirtschaftswissenschaften erklären lässt. Sehr genau können die Forscher das Investitionsverhalten dagegen voraussagen, wenn sie zusätzlich Modelle aus der Verhaltensökonomie und Kognitionspsychologie anwenden. Im Bereich der Energiesystemanalyse untersuchen DLR-Energieforscher anhand von Modellberechnungen, wie sich der Energiemarkt zukünftig entwickelt und auf Änderungen bei der Förderung reagiert. Sie bieten damit Entscheidungshilfen für Energieunternehmen und Politik bei der Gestaltung des zukünftigen Energiesystems.

Boom vor Kürzungen ist nicht alleine mit der Wirtschaftlichkeit zu erklären

Über eine Million Solaranlagen wurden in den vergangenen Jahren auf deutschen Hausdächern installiert, gefördert durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Wissenschaftler des DLR-Instituts für Technische Thermodynamik sind der Frage nachgegangen, wie Änderungen bei dieser Förderung die Kaufentscheidung der Hausbesitzer beeinflusst haben. "Wir wollten herausfinden, wann und aus welchen Gründen die Deutschen in den letzten zehn Jahren in Solaranlagen investiert haben", beschreibt Martin Klein, Doktorand in der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung des Instituts für Technische Thermodynamik, die Ausgangsfrage. Zunächst rechneten die Forscher aus, wie viel man mit einer Solaranlage verdient hätte und setzten diese Wirtschaftlichkeit ins Verhältnis zum tatsächlichen Zubau. "Unsere Hoffnung war, das Kaufverhalten anhand der Wirtschaftlichkeit der Anlagen nachvollziehen zu können. Dies hat aber insbesondere vor Kürzungen des Einspeisetarifs nicht funktioniert. Immer wenn der Gesetzgeber die Förderung reduzierte, gab es einen Investitionssprung - die Leute wollten wohl noch von einem vergleichsweise höheren Einspeisetarif profitieren, selbst dann, wenn die absolute Gewinnerwartung zu diesem Zeitpunkt gar nicht so hoch war."

Modelle mit Parametern aus der Verhaltenspsychologie funktionieren sehr genau

Was sich intuitiv erklären lässt, zeigte sich in bisher keinem der Modelle: Vor Kürzungen bei der Förderung der Solaranlagen lag der tatsächliche Zubau von neuen Solaranalgen zum Teil zwei bis dreimal höher als vorhergesagt. Relativ genau konnten die Forscher die Investitionssprünge in der Vergangenheit dagegen modellieren, als sie Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie und Kognitionspsychologie mit in die Berechnungen einfließen ließen. Die Investitionssprünge werden dabei mit einer sogenannten "kognitiven Verzerrung" erklärt, das heißt mit einer systematischen Abweichung davon, was rational zu erwarten wäre. Ein besonderer Kaufanreiz vor einer Kürzung ist demnach die Angst, dass man einen Vorteil, der wegfällt, nicht genutzt hat.

Mehr Investition durch angekündigte Kürzungen

Diese so trivial anmutende Erkenntnis wurde unter anderem von den beiden Psychologen Amos Tversky und Nobelpreisträger Daniel Kahneman in Glücksspielexperimenten vermessen und in eine wissenschaftliche Theorie gegossen. In ihrer Studie haben die DLR-Forscher diese Erwartungstheorie in ihr ökonomisches Modell aufgenommen. Damit spielt im Modell nicht nur die absolute Wirtschaftlichkeit bei der Kaufentscheidung eine Rolle, sondern auch deren Änderung bezüglich des Status Quo. "Es ist uns gelungen, die Wertfunktion, die Kahneman und Tversky in einem völlig anderen Kontext bestimmt haben, eins zu eins zu übernehmen. In unserem speziellen Fall heißt das: Menschen investieren schnell noch, mehr, als sie es ohne die angekündigte Kürzung jemals getan hätten, um zu vermeiden, dass sie sich über einen potentiellen Verlust ärgern. Wir waren tatsächlich selbst etwas erstaunt, dass sich diese Theorie auch bei einer vermeintlich rationalen Kaufentscheidung für eine Solaranlage anwenden lässt."

Zurzeit nutzen die Forscher diese Ergebnisse, um das Strommarktmodell AMIRIS weiterzuentwickeln. Mit dem Simulationsmodell für den Strommarkt AMIRIS lassen sich Auswirkungen verschiedener energiewirtschaftlicher Rahmenbedingungen untersuchen. Diese Analysen helfen, effektive Fördersysteme für den Energiemarkt zu gestalten. Marc Deissenroth, Projektleiter in der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung: "Mit den Ergebnissen der Studie können wir besser verstehen, wie Menschen im Energiesystem Entscheidungen treffen. Die Ergebnisse fließen in das AMIRIS Modell ein, um bessere Empfehlungen für Entscheidungsträger zu erarbeiten, die den Zubau von erneuerbaren Energien regulieren und Treibhausgas-Emissionen verringern möchten."

Die vollständige Untersuchung ist hier zu finden.


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Anmerkung der Schriftleitung: Der Beitrag ist ursprünglich auf dem Online-Portal des DLR erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des DLR wiedergegeben.
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